Der vorliegende Band beschließt das 2009 begonnene Projekt „Gegengeschichte. Dissidente Diskurse über die Gewalterfahrungen im Zweiten Weltkrieg im Ostmitteleuropa der 1980er Jahre“, das von der in Leipzig ansässigen Societas Jablonoviana und dem Historischen Institut der Universität Warschau getragen wurde und im Rahmen der „Geschichtswerkstatt Europa“ des Instituts für Angewandte Geschichte und der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) realisiert wurde. Gemeinsam mit sieben weiteren Teilnehmern aus Deutschland, Polen und der Tschechischen Republik legten die Herausgeber jene Schicht der Erinnerung an die „Dekade der Gewalt“ von 1938 bis 1949 frei, die der ostmitteleuropäische Dissens abgelagert hatte.
Nach dem Fall der staatssozialistischen Systeme 1989 bis 1991 flammten in den postkommunistischen Ländern Debatten über jene historischen Themen auf, die die sozialistische Geschichtspolitik – sei es durch Auslassen, Verschweigen, Leugnen oder Verfälschen – den jeweiligen politischen Bedürfnissen angepasst hatte. Aber wie dieser Band aufzeigt, existierte auch vorher schon eine Debatte über sowjetische und nationalsozialistische Verbrechen. Geschichte wurde als Feld diskursiver Auseinandersetzung mit dem als totalitär empfundenen Staatssozialismus genutzt. Indem geschichtspolitische Tabus gebrochen und Debatten über historische Schuld angestoßen wurden, also eine Gegengeschichte gegen die offizielle Version der Geschichte betrieben wurde, begannen die Akteure des Dissenses, sich gegenüber dem Staat zu positionieren und an die breite Gesellschaft zu wenden, die sie aus der angeblichen Lethargie wecken wollten. Mithin bereitete also diese Gegengeschichte jenen Weg, auf den die Geschichte nach 1989 „zurückkehrte“. Der vorliegende Band konzentriert sich auf die Gegengeschichten in Ostmitteleuropa, die den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust zum Thema haben.