Angaben aus der Verlagsmeldung

Literatur als Fach in der sowjetischen Schule der 1920er und 1930er Jahre : zur Bildung eines literarischen Kanons / von Erna Malygin


Nicht von vielen Schulfächern kann man behaupten, dass sie eine Bedeutung haben, die weit über den Rahmen des Faches hinausgeht. Noch weniger Schulfächer haben Kunst als Gegenstand des Unterrichts. Der Literaturunterricht hat beides, was ihm einen einzigartigen Platz in der Schule verschafft. Die Geschichte des Faches spiegelt auf besonders deutliche und bezeichnende Weise die ideologisch-politische, soziale und geistige Geschichte Russlands wider. Dabei hat der Literaturunterricht eine doppelte kulturell-soziologische Funktion: er spiegelt(e) und er prägt(e). Um die heutige Demontage des sozialistischen Erbes bzw. die Dekonstruktion des sowjetischen Kanons nachzuvollziehen, muss man prüfen, wie er sich herauskristallisierte, wobei von entscheidender Bedeutung ist, dass die „musterhaften“ Autoren bzw. Werke von „oben“ bestimmt waren, genau wie der Prozess der Kanonisierung selbst, der auch nicht nur nach qualitativen, rein ästhetischen Kriterien durchgeführt wurde, sondern in erster Linie auf den ideologischen Postulaten des sozialistischen Realismus basierte. Der sowjetische Literaturunterricht zeigt sehr deutlich, wie eng die Geschichte des Faches mit der ideologisch-politischen Situation verbunden war. Deswegen ist der sozialistische literarische Kanon in der Schule nicht nur ein kultursoziologisches, sondern vor allem ein ideologisches Phänomen. Nach der Analyse von mehr als 50 Lehrplänen im Fach Literatur in der Zeitspanne von 50 Jahren kann man feststellen, dass beim Übergang vom russischen zum sowjetischen Diskurs die Lehrpläne trotz aller ideologisch-politischen Transformationen des staatlichen Systems eine klare Kontinuität aufweisen. Diese erstaunliche Kontinuität zeigt sich auch in der Bildung des sowjetischen literarischen Kanons, wobei der schulische literarische Kanon nicht mit dem allgemeinen literarischen Kanon gleichgesetzt wird. Obwohl die Literaturlisten bezüglich der Auswahl der Dichter- bzw. Werke eine klare Kontinuität zeigen, ist dabei von entscheidender Bedeutung, dass die Hermeneutik des literarischen Werkes sowjetisch geworden war. Die Weise des Lesens änderte sich grundsätzlich und wurde nun durch die kommunistische Ideologie geprägt. Dazu verhalf die „einzig richtige“ künstlerische Methode – der Sozialistische Realismus – mit seinem ausgeprägten pädagogischen Charakter hervorragend, der sich in der Literaturwissenschaft seit den 1930er Jahren etablierte und die Bildungsziele bzw. Bildungsinhalte im Literaturunterricht bestimmte. Die Frage der Kontinuität der russischen bzw. sowjetischen Lehrpläne ist auch im Zusammenhang mit der großen Diskussion über Bildungsstandards im heutigen Russland spannend. Auf Grund der Transformationsprozesse in der russischen Gesellschaft nach 1985 muss auch die Rolle des Literaturunterrichts neu definiert werden.