Angaben aus der Verlagsmeldung

Der US-Film in der Weimarer Republik - ein Medium der "Amerikanisierung"? : Deutsche Filmwirtschaft, Kulturpolitik und mediale Globalisierung im Fokus transatlantischer Interessen / von Ursula Saekel


Der US-Film war in der Weimarer Republik ein heiß diskutiertes Medium. Die globale Expansion Hol-lywoods und die Verbreitung der US-amerikanischen Populärkultur über den Film stieß in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts weltweit auf Gegenwehr, in Deutschland jedoch auf eine besonders starke. Dem Medium wurde unterstellt, amerikanisierend auf die Gesellschaft einzuwirken. Diese scheinbar unkontrollierbare Einflußnahme einer aufstrebenbenden Macht wie der USA, die nach dem Ersten Weltkrieg ihren ökonomischen, politischen und kulturellen Einfluß in einem rasanten Tempo expandierte, wurde mit höchsten Mißtrauen beobachtet.
Die im Kern nationalistisch geprägte Debatte um eine vermeintliche Amerikanisierung Deutschlands wurde in vielen Bereichen von Gesellschaft, Politik und Kultur geführt, am Medium Film jedoch mit einer überraschenden Intensität. Sie spiegelt einerseits die Furcht vor einem möglichen nivellierenden Einfluß der durch den Film vermittelten amerikanischen Massenkultur, andererseits aber auch glei-chermaßen die große Faszination an dem aufsteigenden und innovativen Medium, das in bis dahin ungekannter Weise globale Lebenswelten auf die heimischen Leinwänden brachte.
Auf der anderen Seite des Atlantiks wurde, wie die amerikanischen Quellen zeigen, tatsächlich ver-sucht, massiv Einfluß auf den transatlantischen Film(handel) zu nehmen – allerdings mit einer ganz anderen Stoßrichtung, als dies die kulturellen Meinungsführer in Deutschland vermuteten. Weniger eine gezielte ideologische Einflußnahme war das Ziel der in den 1920er Jahren stetig zunehmenden Lenkung der Filmwirtschaft durch das amerikanische Handelsministerium, als vielmehr die Sicherung neuer Absatzmärkte für die vielfältigen Produkte der Konsumgüterindustrie.
Die vorliegende Arbeit geht daher auf gänzlich neue Weise an das Medium Film heran. Es werden nicht Filminhalte oder politische Maßgaben als Argumente für eine ideologisierende Einflußnahme des Films gesucht. Die Arbeit setzt sich vielmehr auf Grundlage einer umfassenden Analyse der deut-schen Filmwirtschaft der Weimarer Republik sowie der amerikanischen Akten zum Filmhandel mit Deutschland mit der engen Verschränkung von Wirtschaft und Kultur auseinander. Dazu wurde das noch verfügbare filmstatistische Datenmaterial ausgewertet und um Informationen aus Handeslstatistiken, Zusammenstellungen und Berichten aus amerikanischen und deutschen Archiven ergänzt. Zusammen vermitteln sie erstmals einen systematischen Überblick über Struktur, Verbreitung und Rezeption des US-Films in Weimar sowie des zeitgenössischen deutschen Filmmarktes. Zudem wird die vertikale (Stadt-Land) und die horizontale (Breitenverteilung) Struktur der Lichtspielwirtschaft und damit der Filmrezeption im Deutschen Reich der Zwischenkriegszeit analysiert. Viele unterschied-liche Daten geben Auskunft über die Filmrezeption der groß- und kleinstädtischen wie auch der ländli-chen Bevölkerung. Daran wird gezeigt, in welchem Maße Kino von den 1920er Jahren an ein wichtiger und integraler Bestandteil des öffentlichen und kulturellen Lebens war. Es wird verdeutlicht, um welch hochgradig entwickelten, vielschichtigen und vitalen Wirtschaftszweig es sich bei der Weimarer Film-
industrie, der stärksten Filmindustrie in Europas und damit potentester Konkurrent der US-Filmbranche, handelte – kulturelle Argumente in dieser aufschlußreichen Diskussion um den Einfluß des US-Films daher ganz offensichtlich dazu benutzt, um in Wahrheit vitale wirtschaftliche Interessen zu verteidigen.
Auf dieser Grundlage werden die begriffsgeschichtliche Entwicklung der Schlagworte „Amerikanisie-rung“, „(Anti-)Amerikanismus“, die „Amerikanisierungsdebatte" sowie das ambivalente Verhältnis zwi-schen „Alter Welt“ und „Neuer Welt“ (insbesondere Deutschlands) dargestellt und analysiert. Es wird ein Überblick über die Entwicklung des US-Films zum Leitmedium der 1920er Jahre und seiner machtvollen Positionierung auf dem Weltmarkt gegeben. Kernstück der Arbeit ist jedoch die Untersu-chung der konkreten transatlantischen Filmpolitik der USA in Deutschland. Die deutsche Filmindustrie versuchte sich mit staatlicher Unterstützung und protektionistischen Maßnahmen gegen die Markdo-minanz zur Wehr zu setzen, was jedoch nur mit mäßigem Erfolg gelang. Die US-Filmindustrie wiede-rum erhielt ebenfalls massive Unterstützung von ihren Behörden, denn das Washingtoner Handels- wie auch das Außenministerium unterstützte die Filmindustrie als eine der Top-10-Schlüsselindustrien in den USA bei der Ausdehnung auf die ausseramerikanischen Märkte, teils mit wirtschaftlichen, teils aber auch mit politischen Absichten.
Letztlich wird heraus gearbeitet, dass an der Frage des Einfluß des amerikanischen Films in Deutsch-land vordergründig zwar eine Kulturdebatte, in Wirklichkeit jedoch ein Diskurs über eine einseitige Wirtschaftsdominanz und über einen als asymmetrisch empfundenen hegemonialen Anspruch geführt wurde. Ziel der Arbeit ist es, die transatlantischen wirtschaftspolitischen Zusammenhänge und Absich-ten einer finanzstarken und bereits hochentwickelten Industrie zu beleuchten, die von Seiten der Poli-tik massive Unterstützung erhielt.
Aus diesen Beobachtungen wird die These abgeleitet, dass es sich bei Film um ein zentrales Medium früher kultureller und medialer Globalisierung handelte und als solches auch wahrgenommen wurde. Kulturelle Globalisierung verortet sich daher, so die Schlußfolgerung des Arbeit, bereits sehr viel frü-her, als gemeinhin in der Globalisierungsforschung angenommen.

Die Autorin:
Ursula Saekel, geb. 1969, hat an der Ludwig-Maximilians-Universität München von 1990 bis 1996 Neuere und Neueste Geschichte, Alte Geschichte, Kunstgeschichte und Politikwissenschaft studiert und Anfang 1997 mit dem Magister Artium bei Prof. Dr. Marita Krauss abgeschossen. Von 1997 bis 1999 Fachredakteurin für Zeitgeschichte bei „Digital Publishing – Verlag für Neue Medien“ in München. Von 2000 bis 2003 Dissertation unter der Betreuung von Prof. Dr. Marita Krauss im Rahmen des Graduiertenkollegs der Universität Bremen „Zwischen Globaler und Lokaler Welt – die Auswirkungen der Globalisierung auf die lokale Welt“ mit einer Graduiertenförderung der Universität Bremen. 2001 Stipendium der University of Minnesota/USA, der LMU München und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) an das Center for German and European Studies der University of Minnesota; Teilnahme am „Transatlantic Summer Institute in German Studies: Germany In The Century Of American And Soviet Power“ am Center for German and European Studies der University of Minnesota unter der Leitung von und Prof. Martin Geyer / München, Prof. Konrad Jarausch / Potsdam u. Chapel Hill und Prof. Eric D. Weitz / Minneapolis. Seit 2003 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kulturreferat der Landeshauptstadt München mit dem Arbeitsschwerpunkt Zeitgeschichte, Stadtgeschichte und Erinnerungsarbeit sowie Leiterin des Vorbereitungsteams für das NS-Dokumentations-zentrum München. 2008 Einreichung der Dissertation unter dem Titel „Der US-Film in der Weimarer Republik – ein Medium der Amerikanisierung?“ an der Universität Bremen, Fachbereich Geschichtswissenschaften, und im Mai 2008 Promotion zum „Dr. phil.“.