Angaben aus der Verlagsmeldung

Kritik der Tragödie : Über dramatische Entschleunigung / von Wolfram Ette


Was ist die Tragödie? Es ist die Bejahung einer schrecklichen
Verbindung zwischen der Menschheit und einem Schicksal, das
größer ist als das menschliche Schicksal; es ist der Mensch, den
eine Hundeleine aus der horizontalen Stellung des Vierbeiners
hochreißt und aufrecht hält, deren volle Gewalt er empfindet,
ohne dass er den Willen, der sie hält, kennen würde.« (Jean Giraudoux).
Das tragische Geschehen ist sinnlos; die Dummheit,
wie es Heiner Müller einmal formuliert hat, ist die Mutter der
Tragödie.
Und dennoch ist die Tragödie mehr als das. Sie ist der Versuch, den
Sog des Schicksals darzustellen und zugleich zu kritisieren – nicht
von außen zu kritisieren, sondern von innen, indem sie sich in
den Sog hineinbegibt und die Verlockungen der Selbstzerstörung
ebenso auf die Bühne bringt wie die Impulse, ihnen Widerstand entgegenzusetzen.
Nimmt man das ernst, steht ein neues tragödientheoretisches Paradigma
auf der Agenda. In Ansätzen lässt es sich schon bei Hölderlin,
Walter Benjamin und Brecht beobachten, eine »linke« Tragödientheorie
aber, die das tragische Corpus der europäischen Literatur
insgesamt vor Augen hat und es mit philologischer Akribie für ein
Verständnis der tragischen Dichtung fruchtbar zu machen versucht,
ohne dem faulen metaphysischen Zauber der Gattung zu erliegen,
hat es bisher nicht gegeben.