Angaben aus der Verlagsmeldung

Sextett, Doppelquartett und Oktett : Studien zur groß besetzten Kammermusik für Streicher im 19. Jahrhundert / von Michael Wackerbauer


Gegenstand der Studie ist ein Repertoire der Instrumentalmusik, das zwischen den Gattungen Streichquartett und Symphonie angesiedelt ist, die zu den zentralen Untersuchungsgegenständen musikwissenschaftlicher Forschung gehören. Erstmals wird der bedeutende Werkbestand, der durch gewichtige Beiträge so prominenter Komponisten wie Boccherini, Pleyel, Mendelssohn Bartholdy, Spohr, Brahms, Dvořák, Tschaikowsky oder Schönberg geprägt wurde, in einem übergreifenden Ansatz behandelt. Die Arbeit ist im Hauptteil in einen systematischen und einen historischen Abschnitt gegliedert, dem sich ein umfangreicher Katalog-Teil anschließt.
Im ersten Teil der Studie werden die wichtigsten satztechnischen Spezifika sowie deren formbildende Kraft auf verschiedenen Ebenen der Faktur systematisch erschlossen. Dabei erweist sich, dass sich der vielstimmige Streichersatz typischerweise in Satzbildern realisiert, die sich deutlich von der Faktur in Kompositionen für kleinere Ensembles abgrenzen lassen.
In den nachfolgenden Kapiteln wird in einem großen chronologischen Bogen dargestellt, wie das spezielle Gestaltungspotential großer Streicherbesetzungen in verschiedenen Stilsphären kompositorisch umgesetzt wurde. Der Schwerpunkt der analytischen Betrachtung liegt auf Werken, die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden sind, da zu diesem Zeitpunkt bereits die wesentlichen Satzmodelle entwickelt worden waren.
Das Sextettrepertoire gliedert sich in diesem Zeitraum in konzertante, brillante und ausgesprochen kammermusikalisch angelegte Werke. Kompositionen für acht und mehr Streicher hatten bis 1847 fast ausnahmslos eine doppelchörige Anlage, in der der vielstimmige Streichersatz – wie etwa in Spohrs Doppelquartetten – eine ordnende Grundstruktur erhält. Als richtungweisend sollte sich letztlich aber Mendelssohns geniales Jugendwerk, das Oktett aus dem Jahr 1825 erweisen, bei dem insbesondere Aspekte symphonischer Gestaltungsweisen untersucht wurden.
Erst nach Mendelssohns Tod (1847) trat eine Reihe von Komponisten mit Oktettkompositionen an die Öffentlichkeit, die fast ausnahmslos dem Netzwerk musikalischer Verbindungen um Spohr und Mendelssohn in Leipzig entstammen. Es konnte nachgewiesen werden, dass dieser Personenkreis auch maßgeblich für das deutliche Aufblühen des Sextettrepertoires seit Mitte der 1850er-Jahre verantwortlich war. Zu den wesentlichen Erfahrungen im konservativen Milieu der sog. „Leipziger Schule“ gehörte neben einer außerordentlichen Wertschätzung der Kammermusik im Allgemeinen eine besondere Pflege und Aufführungstradition von Mendelssohns Oktett im besonderen. Mit diesem Werk war ein neuartiges Klangbild in die solistisch besetzte Streicherkammermusik eingeführt worden, das jenseits der traditionellen Vorstellungen von einem kammermusikalischen Ton lag. So ist es nur konsequent, dass orchestrale und symphonische Gestaltungsstrategien nicht nur in den Oktetten der Mendelssohn-Nachfolge, sondern auch im überwiegenden Teil des parallel entstehenden Sextettrepertoires als neue Qualität Einzug hielten.
Diese Beobachtungen bilden die Grundlage für eine ästhetische Neubewertung des Sextettrepertoires nach 1850. Traditionell gelten hier die beiden Sextette von Johannes Brahms als zentrale Leitbilder. Ihre dezidiert kammermusikalische Faktur ist bis heute zu Unrecht Grundlage für eine fragwürdige Beurteilung des Repertoires nach einer mehr oder weniger geglückten Brahms-Nachfolge. Tatsächlich wurde gerade nach 1850 das gestalterische Potential der großen Besetzung überwiegend als Chance wahrgenommen, etwas strukturell und klanglich Eigenständiges zu entwerfen.
Wesentliches Resultat der vorliegenden Untersuchung ist die Erkenntnis, dass die groß besetzten Kammermusikwerke für Streicher als Repertoire eigenen Rechts primär aus sich selbst heraus zu verstehen sind. Sie können nicht auf sinnvolle Weise als Ableitungen oder Seitenzweige der großen etablierten Instrumentalgattungen Streichquartett oder Symphonie erklärt werden, denen in der Gattungshierarchie des 19. Jahrhunderts traditionell zentrale Positionen zugewiesen werden.