Angaben aus der Verlagsmeldung

Wien Niederösterreich Burgenland


Vorwort:

Geologische Exkursionen sind Begegnungen im umfassendsten Sinn. In erster Linie sind es Begegnungen mit und in der Natur. Obwohl es sich um geologische Exkursionspunkte handelt, also um die Welt der Gesteine, Mineralien und Fossilien, soll hier nicht nur von der »toten« Natur, sondern von der Natur in ihrer Gesamtheit gesprochen werden. Wer offenen Auges durch die Natur geht, merkt, dass die polarisierende Sicht einer »belebten« und einer »unbelebten« Natur falsch und nicht länger zu halten ist. So ist dieser geologische Führer auch ein Naturführer im weitesten Sinne, wenngleich der Ansatzpunkt ein geologischer ist. Wie kaum eine andere Wissenschaft umfassen die vielen Fachdisziplinen der Geowissenschaften ein Spektrum, das nicht nur drei, sondern unter Einbeziehung der Zeit auch die vierte Dimension erfasst. Damit wird die Geologie, als Synonym für die Gesamtheit der Geowissenschaften, die Grundlage für alle und alles. Stichwort: Evolution des Lebens. Ähnlich wie es den allseits bekannten Satz »Das ganze Leben ist Chemie« gibt, kann man diesen auch für die Geowissenschaften anwenden.
Das ganze Leben ist Geologie!

Manche/r mag diesen Ansatz als überzogen und nicht richtig empfinden. 99 Punkte in drei Bundesländern Österreichs sind 99 Ansätze zu zeigen, wie vielfältig und allgegenwärtig Geologie ist. Beispiele gefällig? Was wäre Wien ohne sein Wahrzeichen, den Stephansdom, der aus einer bunten Palette von Gesteinen besteht? Was wäre ein Leben ohne Wasser? In Österreich und vor allem in Ostösterreich ist die Donau Lebensader und Lebensraum. So wäre das Tal der Wachau, ohne entsprechende geologische Kulisse, sicher nicht Teil der Weltkulturerbeliste der UNESCO geworden. So nebenbei sei hier erwähnt, Österreich beruft sich zu Recht auf seine Kulturvielfalt, dass die Donau auch Pate für den »Donauwalzer« von JOHANN STRAUSS war. Nur »nebenbei« sei erwähnt, dass sich längs der Donau östlich von Wien auch ein Nationalpark befindet. Damit wäre eine Verbindung von der Geologie zur Freizeit, zur Erholung gegeben; Stichwort: Geotourismus. Wie auch immer Geotourismus zu definieren ist, dieses Buch bietet mehr als 99 Möglichkeiten, eine persönliche und individuelle Definition zu finden. In diesem Sinne sind auch die zahlreichen Tipps am Ende der Exkursionen zu verstehen. Manche sind bewusst kulturelle Tipps, denn auch Geologen »leben« nicht nur von und für die Geologie. Ob Museen, Berggipfel, ausgewählte Typusprofile, Aussichtspunkte, die seit mehr als 100 Jahren immer wieder besucht werden – es gibt unzählige (geologische) Gründe dafür, als Tourist unterwegs zu sein. Als kleine Hilfe werden hier auch die Internetadressen angeben; sie mögen der Vorinformation wie auch der Nachlese dienen.

Klassischerweise würden man wandern, um Geologie zu erleben; schließlich erscheint dieses Buch in der Reihe »Wanderungen in der Erdgeschichte«. Die Schnelllebigkeit der Zeit »erlaubt« auch jede andere Art der Annäherung und Fortbewegung. Natürlich sind, vor allem im urbanen Raum, öffentliche Verkehrsmittel anzuraten. Dementsprechend sind bei den Wiener Exkursionspunkten auch die »Öffis« angegeben. Was die Bundesländer Wien und Burgenland betrifft, so muss ehrlicherweise gesagt werden, dass man hier mit einem Auto besser beraten ist. Wohl aber lassen sich eine Reihe von Exkursionspunkten mittels Fahrrad oder mit einer Fußwanderung in guter Weise zu einer Rundtour verbinden.
99 Punkte: ein buntes Mosaik

Vollständigkeit wurde bei der Auswahl der Exkursionspunkte angestrebt – 99 Punkte sind aber nicht 100, und so muss hier manches offen bleiben. Das Ziel dieses Buches ist es, einen Einblick und auch einen Überblick über die Geologie der Bundesländer Wien, Niederösterreich und Burgenland zu geben. Es geht um einen Querschnitt von der Böhmischen Masse, deren ältester Zirkon mit 3,4 Milliarden Jahren datiert wurde, über die jüngsten Ablagerungen der Flugsande im Marchfeld bis hin zu den periodisch austrocknenden Salzlacken im Seewinkel des Neusiedler Sees. Die Bandbreite erstreckt sich von den Gipfeln der Kalkalpen bis zu den tiefsten Einheiten des Alpenkörpers. Es mag paradox klingen, dass ausgerechnet in den Niederungen des Burgenlandes die Gesteine des Alpenkörpers, wie sie die Westalpen (Penninikum) aufbauen und die Tauern bilden (Stichwort: Tauernfenster), wieder unter dem Stapel alpiner Decken auftauchen. Dass sie rund um den Ort Bernstein auftauchen, hat nichts mit dem fossilen Harz zu tun, wohl werden hier aus den Gesteinen des einstigen Penninischen Ozeans auch Schmuck- und Ziergegenstände gefertigt.

Es geht um Vielfalt. Dass unter den 99 Punkten auch Gräber sind, hat weniger mit der in Wien besonders verbreiteten Liebe zum Tod zu tun, sondern ist vielmehr eine Verneigung vor den großen Gelehrten. Sie hatten vielfach schon im 19. Jahrhundert die Grundlagen richtig erkannt. So kommt eine Reihe namhafter Geologen, EDUARD SUESS wäre einer, im Originalzitat zu Wort. Dass in diesem Buch die Reihe der Autorinnen und Autoren lang ist, hat viele Gründe: Geologie ist Teamwork und immer mehr auch die Arbeit von Spezialist(inn)en. Grundlage dieses Werkes sind (Original-)Arbeiten der Experten. Manche der Arbeiten wurden bereits veröffentlicht. Manche waren, bzw. sind als »graue Literatur« nur schwer zugänglich. Aufgabe des Herausgebers war es, alle(s) auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, die Exkursionspunkte selbst zu besuchen, sie zu fotografieren und sie untereinander zu vernetzen. Mancher der 99 Punkte mag (etwas) wissenschaftlich anmuten, es finden sich stellenweise Details, die man in der Genauigkeit nicht erwarten würde. Aber ein Mosaik rechtfertigt dieses »Eigenleben«. So erfordert dieses Buch auch Vorkenntnisse und Voraussetzungen; Begriffe wie »Metamorphose« werden hier nicht erklärt.
Gut gemeinte Tipps für 99 und noch mehr Punkte

Alle 99 Punkte sind einzigartig, sie stellen unwiederbringliche Zeugnisse der Erdgeschichte dar. Einige sind auch als Naturdenkmale geschützt. Für fast alle trifft jedoch die Bezeichnung »Geotop« zu, wie sie heute allgemein anerkannt und verbreitet ist.

»Geotope sind erdgeschichtliche Bildungen der unbelebten Natur, die Erkenntnisse über die Entwicklung der Erde oder des Lebens vermitteln. Sie umfassen Aufschlüsse von Gesteinen, Böden, Mineralien und Fossilien, sowie einzelne Naturschöpfungen und natürliche Landschaftsteile.

Schutzwürdig sind diejenigen Geotope, die sich durch ihre besondere erdgeschichtliche Bedeutung, Seltenheit, Eigenart oder Schönheit auszeichnen. Für Wissenschaft, Forschung und Lehre, sowie für Natur- und Heimatkunde sind sie Dokumente von besonderem Wert. Sie können insbesondere dann, wenn sie gefährdet sind und vergleichbare Geotope zum Ausgleich nicht zur Verfügung stehen, eines rechtlichen Schutzes bedürfen.«

LOOK, E.-R. [Red.] (1996): Arbeitsanleitung Geotopschutz in Deutschland
Leitfaden der Geologischen Dienste der Länder der Bundesrepublik Deutschland
– Angew. Landschaftsökol. 9, Bonn-Bad Godesberg


Dass man sich diesen Punkten mit Ehrfurcht nähert, ist selbstverständlich. Dass man Tropfsteine, Fossilien etc. nicht mit einem Hammerschlag für immer vernichtet, sollte nicht näher erläutert werden müssen. Hingewiesen sei jedoch auf die jeweiligen Eigentumsverhältnisse, denn Aufschlüsse, Steinbrüche, Kies- oder Tongruben, sind kein öffentliches Gut. Es gilt in jedem Fall die Interessen der Besitzer und Betreiber zu respektieren. Daher sind vielfach auch Adressen und Telefonnummern angegeben. Im Allgemeinen ist der Zutritt zu den Aufschlüssen nach vorheriger Anmeldung (fast) immer möglich. Schließlich geht es nicht nur um Privatgrund und Privatbesitz, sondern auch um Gefahren und Haftungen. Dazu ein klares Wort: Weder Verleger noch Herausgeber, Autoren und Besitzer bzw. Betreiber von Steinbrüchen, etc. können hier die Haftung für eventuelle Unfälle und Verletzungen etc. übernehmen. Dementsprechend sind auch Gefahrenhinweise und Verbotsschilder zu beachten.

Thomas HOFMANN, Herausgeber
Wien, im Mai 2007