Angaben aus der Verlagsmeldung

Viva Espana : Von der Alhambra bis zum Ballerman. Deutsche Reisen nach Spanien


Einleitung von Harald Siebenmorgen
„der lachte
der drehte die Brust mir zu
und sagte mit breitestem Mund
spanische Dinge –„

Silke Scheuermann, geb. 1973 in Karlsruhe, in:
Der Preis, sich im Frühling nicht warm genug anzuziehen, 2001


Der portugiesische Schriftsteller José Saramago, Nobelpreisträger 1999, veröffentlichte 1986 einen Roman, auf Deutsch unter dem Titel „Das steinerne Floß“, in dem er den Abriss der Iberischen Halbinsel bei den Pyrenäen zu einer im Atlantik treibenden Insel phantasierte. Durch ganz Resteuropa schallte darauf aus Solidarität – freilich vorübergehend – die Parole: „Auch wir sind Iberer!“ Die Identifikation etwa der Deutschen mit Spanien hat eine andere Dimension als die mit dem „Sehnsuchtsland Italien“, das Arkadien der Seele, das mediterrane Paradies, die Stätte des Idylls, der Klassik. Spanien ist reeller und realistischer, wirklichkeitsnäher und damit auch handfester und robuster. Jeder findet dort, was er zu finden beabsichtigt. So wird Spanien, vielgestaltig, ein Reiselieblingsland der Deutschen auch in Zukunft bleiben.
Javier Marías, der derzeit bekannteste zeitgenössische Schriftsteller Spaniens, leitete einmal einen Essay ein: „Immer wenn ein Ausländer zu mir sagte, ich wirke eigentlich gar nicht wie ein Spanier, hatte ich das kränkende Gefühl, dass es als eine Art Lob gemeint war.“ Und Marías verweist darauf, dass es selbst in den avantgardistischen Filmen eines Pedro Almodóvar von Klischeefiguren wimmele: von „Nonnen, Stierkämpfern, frommen Damen, Coup­letsängerinnen, Krüppeln und anderen traditionellen und folkloristischen Elementen.“
Kaum ein Land – selbst Deutschland kann da nicht mithalten – ist dermaßen eng mit Klischeemerkmalen verknüpft wie Spanien: Stierkampf, Torero, Flamenco, Fächer, Kastagnetten, Gitarre, Zi­geu­nerin, Karprozession, Fiesta, Paella, Sangría, Cos­ta, Playa. Dabei hat ein Autor wie Heinrich Moritz Willkomm in seinem Reisebericht bereits 1879 das „Verschwinden des ‘poetischen Volkslebens’“ beklagt.
„Nagels Reiseführer Spanien“ wurde in Paris 1953 und anschließend auf Deutsch veröffentlicht. Das Vorwort von Jean Camp beginnt: „Spanien, eine in sich abgeschlossene Welt, mit eigenen Geset-zen ... macht einen strengen Eindruck.“ Seit den Romantikern war eine Spanien-Bildungsreise durchaus neben Italien ins Blickfeld von Intellektuellen und Künstlern gerückt. Aber immer, so der Autor mit den Worten des Schriftstellers Joseph Delteil zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als verschlossenes Land, in dem der Katholizismus, „die Kutte“, die gesamte Lebenswelt präge. Vielleicht mit Ausnahme Andalusiens, in dem die Vermischung von Christentum und Islam, wie etwa Rainer Maria Rilke oder Reinhold Schneider ansprachen, zu einer Sonderkultur geführt habe. Charles Baudelaire hat in „Mon cœur mise à nu“ („Mein entblößtes Herz“) sein Spanienbild auf den Nenner gebracht: „Der Spanier überträgt die natürliche Wildheit der Liebe auf die Religion“.
Noch Ende der 1960er Jahre, als ich die erste ausgedehnte Reise durch fast ganz Spanien unternahm, war man sich bewusst, dass man in ein Land ganz anderer Gesetze reiste als etwa Italien oder Frankreich: ein Land unter der Knute einer Diktatur, mit einer ihr streng unterwürfigen Kirche, Menschen mit archaischen Lebensgewohnheiten – und einer überaus reichen alten Kunst und Kultur, die aber z.B. auch in der deutschen Kunstgeschichte mangels Zugänglichkeit ein eher exotisches Randdasein führte. Als Prof. Dr. Karl Arndt in Göttingen 1972 eine Spanien-Exkursion des Kunstgeschichtlichen Instituts organisierte (mit dabei die jungen Dozenten Heinrich Klotz und Thomas Gaehtgens), merkte man, dass man auf sowohl fachlich als auch touristisch noch kaum erschlossenen Pfaden schritt.
Allerdings waren die ersten „Plattenbau“-Hotelhochhäuser an der Costa Brava schon beziehbar, ja bereits in die Jahre von schäbiger Infrastruktur und aller Folgen des frühen Billigtourismus gekommen. Die küstenlang in ganz Spanien verbreitete „Vamos a la Playa“-Architektur mit Schiffsbungalow, Würstchenbaracken und Stier-Silhouetten hat Heinrich Klotz einmal als „Röhrende Hirsche der Architektur“, mit durchaus latenter Sympathie „das volle Orchester der Kitschbaukunst“, eine plebejische „architecture perlante“ genannt.
Spanien ist in kurzer Zeit ganz anders geworden. Der Pauschaltourismus spielt in bestimmten Regionen nach wie vor ein vermehrtes (Insel-)Dasein, aber verfügt auch über viele Ressourcen einer gehobenen, souveränen Urlaubskultur; wo vor 40 Jahren noch die Eselskarren auf unbefestigten Straßen in den Innenstädten verkehrten, entfaltet sich heute eine glitzernde Warenwelt in bestausgebauten Fußgängerzonen. Städte wie Madrid, Barcelona, Valencia, Sevilla und andere sind – auch durch Olympi­sche Spiele und Weltausstellungen – modernste, aber sympathisch individuelle Weltme­tropolen geworden.
Wenn unsere Ausstellung über die Reiseliebe der Deutschen zu Spanien „Von der Alhambra bis zum Ballermann“ an die vor zehn Jahren vom Badischen Landesmuseum im Karlsruher Schloss gezeigte „Wenn bei Capri die rote Sonne ... Die Italiensehnsucht der Deutschen im 20. Jahrhundert“ anknüpft, dann ist uns bewusst, dass die Entdeckung Spaniens als Urlaubsland gegenüber Italien zeitversetzt circa zehn Jahre später einsetzte und dadurch auch schon einige andere Koordinaten besaß. Die Flugreise bekam eine zentrale Bedeutung, die Urlaubsdomizile waren als Massengettos in Form von Hotelkasten- und Hochhausarchitektur präpariert, der Individualtourismus eher zurückgedrängt.
Spanien-Bilder, die deutsche Bildungsreisen verursachen, existierten und existieren bis heute: Der Pilgerweg nach Santiago, ob zu Fuß, per Rad oder motorisiert, erlebt eine Konjunktur, bei der der Bestseller 2006/7 von Hape Kerkeling und der rasante Zuwachs von profanen Pilgern sich wohl wechselseitig stützen. Wachsender Faszination erfreuen sich die „semana santa“-Veranstaltungen in der Karwoche mit den Umzügen der Pasos und kapuzentragenden Nazareno-Bruderschafter, wobei neben den berühmten und völlig überlaufenen Prozessionen in Sevilla auch solche in Toledo oder Valencia zunehmende touristische Bedeutung erlangen. Andalusien boomt bei Rundreisen mit Bildungscharakter, wobei die maurisch-islamische Kunst und Architektur sowie das oft zitierte Toleranzmodell in Südspanien unter muslimischer Herrschaft (8.–13. Jahrhundert) im Mittelpunkt des Interesses stehen. Schon Friedrich Nietzsche schrieb im „Antichrist“: „Die wunderbare maurische Kultur Spaniens ist den Deutschen im Grunde verwandter als Rom und Griechenland.“ Barcelona ist eine der anziehendsten Metropolen der Alten Welt geworden mit zeitgeistigen Kulturangeboten, die auf der Anziehungskraft der Baukunstwerke von Gaudí aufbauen. Galicien und Extre­ma­dura sind „im Kommen“, die Industriestadt Bilbao ist seit zehn Jahren Besuchermagnet durch das von Frank O. Gehry gebaute Guggenheim-Museum geworden, Personalmuseen für moderne spanische Künstler von Weltrang wie Picasso, Miró, Dalí oder Tàpies besitzen enorme Attraktivität.
Dagegen bzw. daneben – oder doch auch verschränkt damit? – existiert der Massentourismus; der sich vorderhand mit Mallorca verbindet, das bereits einmal der – nicht voll ernstnehmbaren – politischen Diskussion als „siebzehntes deutsches Bundesland“ ausgesetzt war. Vielleicht ist es richtig zu beklagen, dass der Urlauber dort am „Ballermann 6“ oder in der „Schinkenstraße“ nur sich selbst urlaubsförmig befeiert und ein ödes Leben darauf wartet, dass etwas Unerhörtes geschieht. Teneriffa, wo man auch schon laut einem Spielfilm 1964 „baden ging“, und Gran Canaria standen und stehen dem nichts nach. Mit der Kanareninsel Gomera ruft man freilich gleich schon eine Destination alternativ Individualreisender, wenn auch schon in die Jahre gekommen, auf.
„Mallorca ist out!“ – „Mallorca ist wieder in!“ – so lösten sich in den vergangenen Jahren die Balkenüberschriften ab. Mal waren es nur 1,2 Millionen Deutsche, die auf den Balearen Urlaub machen, bald ein Jahr darauf wieder fünf oder zehn Prozent mehr. Dass man in Hallen von Großstädten in Deutschland, die selber nicht gerade ein mediterranes Flair besitzen, gerade in den kälteren Jahreszeiten künstliche Mallorca-Beach-Parties veranstaltet, mag für ein unabweisbares Bedürfnis der Deutschen zeugen. Jedenfalls durfte der „Ballermann“ in der Ausstellung nicht fehlen, beansprucht doch Karlsruhe den ersten „Ballermann“ zu haben: eine Imbiss­bud­e in der Englerstraße bei der Universität, die es bis heute gibt. Nachdenklich macht, wie auch Deutsche als „Winterflüchtlinge“ und Altersmigranten in der Lage sind, eine nichtintegrierte „Parallelgesellschaft“ zu bilden.
Ein solch jahrelang verfolgtes Ausstellungsprojekt in innovativem Neuland erlebte viele Diskussionen und ruhte auf vielen Schultern. Im Badischen Landesmuseum haben Frau Anne-Katrin Becker M.A. und Frau Dr. Margarete Meggle-Freund sich lange und intensiv der Aufgabe angenommen, die Ausstellungsthemen recherchiert, die Objekte zusammengestellt sowie daraus das Ganze konzipiert und organisiert. Dafür sei ihnen zu allererst sehr herzlich gedankt. Die Ausstellungsdarbietung verdanken wir der Gestaltergruppe raum[einsichten (www.raumeinsichten.de) und das Katalogbilderbuch Thomas Lindemann und seinem Verlag. Der Dank schließt alle ein, die außerhalb und innerhalb des Badischen Landesmuseums erfolgreich beteiligt waren. Sowohl zahlreiche Privatpersonen als auch öffentliche Institutionen in Spanien und Deutschland haben uns unterstützt. Wenn Klischees thematisiert, also bewusst gemacht werden, besteht die Chance, bessere, glaubwürdigere Bilder an deren Stelle zu setzen und damit den interkulturellen Verständnisbemühungen hilfreich zu sein.