Angaben aus der Verlagsmeldung

Der Betrachter ist im Text : Konversations- und Lesekultur in deutschen Gemäldegalerien zwischen 1700 und 1914 / von Joachim Penzel


Gemäldegalerien sind seit dem 18. Jahrhundert nicht nur privilegierte Räume der Bildpräsentation und Bildbetrachtung, sondern auch Orte gelehrter Konversation und breitenwirksamer Kunstvermittlung. Die Aneignung von Kunstwerken entsprach zu dieser Zeit nicht etwa einer reinen Inaugenscheinnahme, sondern bedurfte offensichtlich des gedruckten Kommentars. Sehen und Lesen, ergänzt durch leise Gespräche von Paaren oder in Kleingruppen, erscheinen hier nicht nur aufeinander bezogen, sondern so unauflösbar miteinander verwoben, dass damalige Galerien und Kunstsammlungen als intermediale Räume beschrieben werden können, in denen sich eine auf der Dialektik von Bild und Text basierende Wissenskultur konstituierte und manifestierte. Diese Situation führte zur Herausbildung des Rezeptionstyps des lesenden Bildbetrachters, der mit dem Buch in der Hand die Sammlung und ihre einzelnen Werke erschließt. Eine derartig von Wissen unterstützte und oft vom Wissen gesteuerte Wahrnehmung der Kunstwerke entsprach nicht nur dem Ideal des Gelehrtenmuseums, vielmehr erscheint die Herausbildung des lesenden Bildbetrachter als "Geburt des modernen Museumsbesuchers", der weniger zum Vergnügen als zum Bildungserwerb vor die Kunstwerke tritt. Sprichwörtlich drängten sich die Vermittlungstexte zwischen die Werke und die Augen des Betrachters und leisteten eine Programmierung des Sehens entsprechend den diskursiv abgesicherten Wissens- und Anschauungsformen der jungen Fachwissenschaft Kunstgeschichte. Die Rekonstruktion der Entstehungsbedingungen des lesenden Bildbetrachters leistet gleichermaßen einen Beitrag zur Kulturgeschichte des Sehens in der Moderne, zur Disziplingeschichte des Kunstmuseums, zur historischen Besucherforschung und zur Vorgeschichte der Museumspädagogik.